Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie

Was lernen Studierende im Fach Differentielle und Persönlichkeitspsychologie?

Unterschiede, die Unterschiede machen: Warum sind manche Menschen intelligenter als andere? Warum sind bestimmte Menschen so fröhlich und gelassen, auch wenn sie Stress haben? Warum haben manche Menschen so viel Angst, wenn sie vor einer wichtigen Prüfung stehen, und andere nicht? Und warum sind manche Menschen so egoistisch, eiskalt und wenig einfühlsam? Gibt es wirklich bedeutsame Geschlechtsunterschiede bei psychischen Merkmalen, wie zum Beispiel dem räumlichen Vorstellungsvermögen?

Die Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie hat Antworten auf diese Fragen, bei denen es um Unterschiede zwischen Menschen geht, um interindividuelle Differenzen oder anders ausgedrückt: um Persönlichkeitsunterschiede. Die Studierenden lernen, dass und in welchem Ausmaß solche interindividuellen Differenzen bedeutsame Kriterien wie beruflichen Erfolg und Beziehungszufriedenheit oder Gesundheit und Wohlbefinden vorhersagen.

Im Studium lernt man auch, wie solche Persönlichkeitsunterschiede durch die Wechselwirkung zwischen Umwelteinflüssen (Sozialisation, Kultur) und biologischen, insbesondere (molekular)genetischen Bedingungen erklärt werden können. Wie erblich ist zum Beispiel Intelligenz? Ein weiteres wichtiges Thema betrifft die Frage, wie Persönlichkeitsunterschiede und situative Bedingungen zusammenwirken und das Erleben und Verhalten von Personen beeinflussen.

Wie eine Person „tickt“: In der Differentiellen Psychologie und Persönlichkeitspsychologie lernen Studierende aber noch viel mehr! Nicht nur die Unterschiede in bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, sondern auch die Einzigartigkeit, die Individualität und das Zusammenwirken von Motiven, Emotionen und Kognitionen (Gedanken, Erwartungen, Überzeugungen etc.) innerhalb einer Person sind Gegenstände der Persönlichkeitspsychologie. Es geht also auch darum herauszufinden, wie eine konkrete Person „tickt“, d.h. wie Erleben und Verhalten erklärt und vorhergesehen werden können.

Welche interessante psychologische Untersuchung ist typisch für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie?

In einer typischen persönlichkeitspsychologischen Studie werden Zusammenhänge zwischen interindividuellen Differenzen, z.B. Intelligenz, mit anderen Merkmalen, z.B. dem späteren Studien- und Berufserfolg, untersucht; es wird also untersucht, in welchem Ausmaß unterschiedliche Studien- und berufliche Leistungen mit Intelligenzunterschieden zusammenhängen. In der Tat zeigte sich in zahlreichen Studien ein positiver Zusammenhang zwischen Intelligenz und späterem Studien- und Berufserfolg.

Was sind die aktuellen Hot Topics des Faches? Woran wird derzeit geforscht?

Seit etwa drei Jahrzehnten besteht relative Einigkeit darüber, dass für die Beschreibung der Persönlichkeit eines Menschen mindestens fünf breite Persönlichkeitsdimensionen, die sogenannten Big Five, herangezogen werden müssen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Bisher ist davon ausgegangen worden, dass diese fünf breiten Persönlichkeitsdimensionen ab dem frühen Erwachsenenalter relativ stabil bleiben und sich nur noch langsam und moderat, d.h. über mehrere Jahre oder Jahrzehnte hinweg, verändern.

Mittlerweile liegt nun aber eine Zusammenfassung von Studien vor, die zeigt, dass sich insbesondere Extraversion und Neurotizismus auch kurzfristig, d.h. innerhalb von vier bis acht Wochen, durch Psychotherapie, Training und Coaching verändern lassen. Dieser Befund ist wichtig, weil Persönlichkeitsmerkmale wie die Big Five mit zentralen Kriterien wie beruflichem Erfolg, Wohlbefinden, Lebens- und Beziehungszufriedenheit assoziiert sind. Wäre Persönlichkeit unveränderbares „Schicksal“, hätten alle Menschen mit weniger günstig ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmalen erhebliche Nachteile.

Außer diesen breiten Persönlichkeitsdimensionen werden in den letzten Jahren einige spezifischere Persönlichkeitsmerkmale besonders intensiv beforscht. Dazu zählt ein ursprünglich aus der Psychoanalyse stammendes Konzept, mit dem eine grandiose und zugleich fragile und instabile Selbstwertschätzung beschrieben wird: Narzissmus. Narzissmus wird einerseits im klinischen Kontext als narzisstische Persönlichkeitsstörung geführt, aber eben auch als subklinisches Persönlichkeitsmerkmal untersucht. Personen mit hohen Narzissmus-Ausprägungen halten sich einerseits für „allmächtig und vollkommen“ (grandiose Selbstwertschätzung) und legen andererseits ein ausbeuterisches, unempathisches Beziehungsverhalten an den Tag, nach dem Motto: „Mein Wille geschehe!“. Gemeinsam mit Narzissmus bilden Psychopathie und Machiavellismus die sogenannte dunkle Triade der Persönlichkeit. Was damit gemeint ist, kann eindrucksvoll anhand einiger Figuren der Erfolgsserie „Game of Thrones“ verdeutlicht werden („winter is coming“).  In dieser Serie begegnen wir Personen (z.B. der Königin Cersei Lannister), die kalt, zynisch und manipulativ nach Macht streben (Machiavellismus) oder zu hoher Impulsivität neigen, nach Nervenkitzel streben und zugleich wenig empathisch und überhaupt nicht furchtsam sind (Psychopathie).

Erleben und Verhalten als Kerngegenstände der Psychologie sind immer auch mit biologischen Strukturen und Prozessen assoziiert, z.B. mit Hirnprozessen, der Ausschüttung bestimmter Hormone oder autonomen Erregungsprozessen (erhöhte Herzrate, verstärkte Hautleitfähigkeit). Die Frage ist nun, ob sich solche biologischen Grundlagen auch für Persönlichkeit(smerkmale) identifizieren lassen. In einem neueren Ansatz werden interindividuelle Unterschiede als Funktion der Synchronisierung, Organisation und Interaktion einzelner Hirnregionen in Netzwerke (sogenanntes funktionelles Konnektom) untersucht. Zudem ist die Frage, wie Persönlichkeitsunterschiede mit genetischen und Umweltunterschieden zusammenhängen seit vielen Jahren ein Hot Topic der Forschung. Dabei muss grundsätzlich von einer Wechselwirkung zwischen Genom und Umwelt ausgegangen werden. In der quantitativen Verhaltensgenetik wird mit Hilfe von Zwillings- und Adoptionsstudien untersucht, inwieweit Unterschiede in Verhaltensmerkmalen mit genetischen und Umwelteinflüssen zusammenhängen. Bei den meisten breiten Persönlichkeitsmerkmalen, wie Intelligenz oder den oben genannten Big Five, kann davon ausgegangen werden, dass diesbezügliche Unterschiede jeweils zu etwa 50% auf Unterschiede in den Genen und Umweltunterschiede zurückgeführt werden können. In der molekularen Verhaltensgenetik wird dagegen nach spezifischen Genen (Allelen, Polymorphismen) gesucht, die den genetischen Einflüssen zugrunde liegen, d.h. die Verhaltensunterschiede in Wechselwirkung mit Umweltbedingungen kausal erklären. In einer vielzitierten Studie von Avshalom Caspi und Kollegen (2002) stellte sich heraus, dass Gen-Varianten, die eine hohe vs. niedrige Aktivität des Enzyms Monoaminoxidase A bedingen, nur dann mit antisozialem Verhalten einhergingen, wenn gleichzeitig die Umweltbedingung „Kindesmisshandlung im Alter von drei bis elf Jahren“ vorlagen. Auf molekularer Ebene kann man neuerdings solche Gen-Umweltinteraktionen durch epigenetische Analysen substantiieren. So können Umweltreize, wie z.B. kritische Lebensereignisse, die Methylierung von Genen verändern, was wiederum Auswirkungen auf die Transkriptionsrate der Gene haben kann.

Die seit dem Jahr 2000 insbesondere in den USA etablierte Positive Psychologie bemängelt, dass sich die psychologische Forschung bisher viel zu sehr mit negativen und viel zu wenig mit positiven Aspekten des Erlebens und Verhaltens beschäftigt hat. In der Tat gibt es deutlich mehr Studien und Publikationen zu negativen Phänomen wie Angst und Depression als zu Glück, Freude und Wohlbefinden. Die Mission der Positiven Psychologie ist es, zu erforschen, welche Bedingungen zu einem erfüllten und glücklichen Leben beitragen. Zu diesen Bedingungen zählen auch Charakterstärken. Unter dem Begriff Charakterstärken werden positiv konnotierte Persönlichkeitsmerkmale zusammengefasst, die schon seit längerer Zeit beforscht werden (z.B. soziale Intelligenz, Kreativität, Sinn für Humor) und auch bisher noch nicht berücksichtigte Eigenschaften, wie Tapferkeit, Dankbarkeit, Bescheidenheit, Sinn für das Schöne.

Freunde und die Frau oder der Mann fürs Leben gehören zu den wichtigsten Bedingungen im Leben eines Menschen. Ob und inwieweit solche Beziehungen funktionieren, das heißt wie zufrieden und stabil sie verlaufen, hängt auch mit Persönlichkeitsmerkmalen zusammen. Insbesondere Neurotizismus, aber auch niedrige Verträglichkeit und geringe Gewissenhaftigkeit sind Risikofaktoren für unglückliche und instabile Partnerschaften.

Viele Definitionen betonen, dass Persönlichkeit die gesamte Person und deren Individualität umfasst, das heißt das komplexe Zusammenwirken oder die intraindividuelle Organisation von Kognition, Emotion und Motivation sowie damit einhergehende biologische Korrelate und Muster. Wie unter der Rubrik „Was lernen Studierende in der Differentiellen Psychologie und Persönlichkeitsforschung?“ bereits betont, geht es nicht nur um einzelne Persönlichkeitsmerkmale, in denen sich Menschen unterscheiden, sondern auch um die Frage, wie eine einzelne Person „tickt“, d.h. wie sich das Erleben und Verhalten einer Person vor dem Hintergrund der Wechselwirkungen von Persönlichkeitsmerkmalen im emotionalen, kognitiven und motivationalen Bereich erklären und vorhersagen lässt. Obwohl einige Modelle zur intraindividuellen Organisation von Persönlichkeit vorgeschlagen wurden (z.B. Epstein, 2003, Kuhl, 2001, Mayer, 2005, McAdams & Pals, 2006, Mischel, 2004), ist der Forschungsbedarf zu diesem Hot Topic noch weitaus größer.

Warum haben Sie persönlich sich für dieses Fach entschieden? Was fasziniert Sie?

Karl-Heinz Renner, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität der Bundeswehr München:
„Die Persönlichkeitspsychologie eignet sich nach meiner Auffassung besonders gut, um unterschiedliche Perspektiven, Befunde und Bedingungen zu integrieren, da ihr Gegenstand interdisziplinär vernetzt ist: Viele verschiedene Bedingungen und Prozesse, die von anderen (nicht-)psychologischen Teildisziplinen untersucht werden, konvergieren in der menschlichen Persönlichkeit. Für mich ist es auch immer wieder erstaunlich, wie gut sich Menschen, die besonders ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, vorhersagen lassen.  Und mich fasziniert es zu erforschen, was den Menschen ‚im Innersten zusammenhält‘.“