Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie

Was lernen Studierende im Fach Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie?

Die Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie (AOW-Psychologie) ist neben der Klinischen Psychologie das zweite große Anwendungsfach der Psychologie. Wer verstehen will, was Menschen auf der Arbeit erleben, warum sie dort so handeln, wie sie handeln; wer wissen will, was Menschen auf der Arbeit stört und was sie zufrieden macht und persönlich reifen lässt, warum manche Höchstleistungen erbringen und andere unteren ihren Fähigkeiten bleiben; wer sich wundert, warum Menschen manchmal seltsame Finanz- und Kaufentscheidungen treffen oder sich durch Werbung beeinflussen lassen; wer den Bereich des Lebens, in dem viele Menschen die meiste Lebenszeit verbringen – die Arbeit – besser machen will: der ist in der AOW-Psychologie richtig.

Wofür braucht man das Gelernte im späteren Berufsalltag?

Die AOW-Psychologie ist ein Anwendungsfach. Vieles, was Studierende in der AOW-Psychologie lernen, können sie daher mehr oder weniger direkt im Beruf anwenden. Beispielsweise kann man aus Erkenntnissen der Forschung zur Personalauswahl viele konkrete Hinweise ableiten, wie ein Personalauswahlprozess gestaltet werden sollte. An vielen Universitäten lernt man auch schon, wie man Trainings konzipiert und wie man Mitarbeiterbefragungen durchführt oder Veränderungsprozesse begleiten kann.

Anderes Wissen hat indirekt Bedeutung für den späteren Berufsalltag: Ziel eines Studiums ist es ja auch, Prinzipien zu verstehen und sie auf neue Situationen anwenden zu können. Wer beispielsweise als Angestellte/r ein Konzept ausarbeiten soll, wie die Arbeitsbedingung einer ganz bestimmten Berufsgruppe – beispielsweise der Mitarbeitenden einer Stadtreinigung – so verbessert werden kann, dass sich weniger Mitarbeitende aus Krankheitsgründen frühpensionieren lassen müssen, wird im Studium wenig über diese Berufsgruppe gelernt haben, sollte aber wissen, wie man so eine Fragestellung prinzipiell und auch wissenschaftlich fundiert angeht. Genauso ist es unwahrscheinlich, dass man im Studium gelernt hat, wie man ein spezielles Mentoring-System für Berufstätige mit Sehbehinderungen evaluiert, sollte aber allgemein wissen, wie man betriebliche Interventionen evaluiert und dies dann auf diese Situation anwenden können. Kurzum, Studierende lernen, wie sie verschiedene praktische Problemstellungen durch Analyse, Interventionsgestaltung und Evaluation bearbeiten können. 

Welche Forschung ist typisch für die Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie?

Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologinnen und -psychologen forschen vor allem im Feld, also im direktem Lebensumfeld der Studienteilnehmer/innen. Beispielsweise werden mögliche Stressoren in einem Betrieb erfasst und mit Schlafstörungen in Verbindung gebracht, oder Berufseinsteigerinnen und -einsteiger werden in ihren ersten Monaten in ihrer ersten Organisation zu mehreren Zeitpunkten befragt. Immer mehr steht auch im Fokus zu untersuchen, wie sich Arbeitsverhalten dynamisch, beispielsweise über den Tag hinweg oder die Arbeitswoche, verändert. Manchmal gelingt es auch, Organisationen zu überzeugen, Feldexperimente durchzuführen, wie Jerald Greenberg 1988: Als eine Versicherung temporär in ein anderes Gebäude umziehen musste, durfte er festlegen, wer welches Zimmer bekam, und konnte dann zeigen, dass die Angestellten, die sich ungerecht behandelt fühlten, tatsächlich weniger Versicherungen verkauft haben.

Immer wieder gelingt es auch, Phänomene der Arbeitswelt in das Labor zu holen. Das hat den Vorteil, dass man im Labor einfacher untersuchen kann, welche Prozesse in den Köpfen der Menschen ablaufen – und man kann experimentell arbeiten, sodass man auch kausale Schlussfolgerungen ziehen kann.

Außerdem ist die AOW-Psychologie stolz darauf, dass sich aus praktischen Fragestellungen unseres Fachs die Metaanalyse entwickelt hat. Metaanalysen sind Studien über Studien – es werden verschiedene Einzelstudien auf statistische Art und Weise zusammengefasst. Metaanalysen sind mittlerweile nicht nur in der Psychologie, sondern auch in anderen Fächern weit verbreitet, weil man sich auf solche Zusammenfassung mehr verlassen kann als auf Einzelstudien.

Was sind die aktuellen Hot Topics des Faches? Woran wird derzeit geforscht?

Aktuelle Entwicklungen in der Arbeitswelt sind von großer Bedeutung für die AOW-Psychologie. Zentrales Thema für viele Organisationen – und natürlich für die Betroffenen – sind die hohen Krankenstände aufgrund von psychischen Störungen. Während erfreulicherweise die Anzahl von arbeitsbedingten physischen Verletzungen immer weiter zurückgeht, nimmt der Stress auf der Arbeit eher zu. Neue Rahmenbedingungen der Arbeit verstärken oft diesen Stress, und die AOW-Psychologie erforscht deswegen, was das für die Gesundheit, aber auch für die Leistungsfähigkeit bedeutet.

Zu den aktuellen Entwicklungen der Arbeitswelt zählt auch der Trend zu neuen Arbeitsformen und mehr Digitalisierung. Deswegen beschäftigen sich beispielsweise AOW-Psychologinnen und -psychologen, insbesondere aus dem Bereich der Ingenieurspsychologie, damit, wie Menschen mit dem „Kollegen Roboter“ zusammenarbeiten können.

Andere aus dem Fach versuchen die Vor- und Nachteile festzustellen, wenn einzelne Schritte bei der Personalauswahl nicht mehr von Menschen, sondern von Algorithmen entschieden werden.

Die Globalisierung ist eine weitere Entwicklung mit vielen Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Nicht nur müssen sich immer mehr Firmen auf internationalen Märkten bewähren, wofür sie z.B. interkulturelle Trainings brauchen, auch immer mehr Arbeitnehmerinnen und -nehmer arbeiten nicht mehr in ihrem Heimatland, z.T. freiwillig, weil sie sich von Auslandsaufenthalten Karrieresprünge erhoffen, und z.T. unfreiwillig, etwa als Flüchtlinge. Zu all diesen Themen wird in der AOW-Psychologie geforscht.

Warum haben Sie persönlich sich für dieses Fach entschieden? Was fasziniert Sie?

Tanja Bipp, Professorin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg: „Die Anwendung der Psychologie auf konkrete Fragestellungen in Organisationen hat mich schon immer fasziniert. Hier kann man erleben, wie das Wissen und die Methoden aus allen Bereichen der Psychologie umgesetzt werden, warum all dieses vielfältige Wissen, zahlreiche Theorien und Modelle nötig sind, um das Verhalten und Erleben von Mitarbeitenden zu verstehen. Die AOW-Psychologie liefert mit ihrer Forschung dabei eine tolle Basis für effektive Anwendungen in der Praxis, im Sinne eines evidenzbasierten Vorgehens, vergleichbar wie es z.B. in der Medizin gang und gäbe ist. D.h. nur das sollte in der Praxis auch wirklich umgesetzt werden, von dem wir wissen, das es „wirkt“ und keine (zumindest keine großen) „Nebenwirkungen“ hat. Zentrale Themen wie Motivation und Gesundheit von Mitarbeitenden beschäftigen heutzutage viele Unternehmen und diese – in Kooperation z.B. mit Ingenieuren, Juristen, oder Betriebswirten - dabei zu unterstützen professioneller zu handeln, bietet viele Arbeitsmöglichkeiten für Absolventen in diesem Bereich. Nicht allzu überraschend gehört dieser Bereich der Psychologie daher auch zu den stark wachsenden, mit vielfältigen Berufsmöglichkeiten. Die Arbeit von heute und morgen mit zu gestalten – das ist für mich zentral.“

Thomas Rigotti, Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz: „Psychologie ist ein sehr vielseitiges Fach. An AOW-Psychologie fasziniert mich, dass nahezu die komplette Bandbreite psychologischer Teildisziplinen nutzbar gemacht werden kann. Für das Verständnis und die Veränderung des Erlebens und Verhaltens im Arbeitskontext sind viele psychologische Themen relevant, u.a. Wahrnehmungsphänomene und Emotionen (Allgemeine Psychologie), soziale Interaktionsprozesse und Menschen in Gruppen (Sozialpsychologie), Analyse und Prädiktion menschlichen Verhaltens und Erlebens (Differentielle und Diagnostische Psychologie), Veränderungen im Laufe der Lebensspanne (Entwicklungspsychologie) sowie Kenntnisse über psychische Störungen und Ansätze aus der Pädagogischen und Klinischen Psychologie. Für mich stellt die AOW-Psychologie Menschen, mit ihren Bedürfnissen, Grenzen und Möglichkeiten in den Mittelpunkt. Gut gestaltete Arbeit ist identitäts- und sinnstiftend, sie fördert die persönliche Entwicklung und trägt maßgeblich zur (psychischen) Gesundheit bei. Sowohl in Forschung als auch im Anwendungskontext liefert die AOW hierfür viele konstruktive Ansätze. Diese auch in die Praxis zu tragen, bleibt eine fortwährende Herausforderung.“